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Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

Die soziale Schere und das Glück

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Glück ist ein Modethema. Das mag damit zusammenhängen, dass es vielen Menschen immer stärker als bedroht erscheint. Individuell, aber auch kollektiv ist immer häufiger ein Lebensgefühl von der Art einer Mid-Life-Crisis zu beobachten, das sich ausdrückt in der bangen Frage: Macht mein/unser Leben Sinn? Werde ich/werden wir das Ziel eines erfüllten Lebens erreichen?

Das DIW hat in der letzten Woche eine Studie über die langfristige Einkommensverteilung vorgelegt, in der anhand der Daten des Sozio-Ökonomischen Panels nachgewiesen wird, dass der Anteil der Menschen mit mittlerem Einkommen in der Gesellschaft schrumpft. Bemerkenswert ist, dass das DIW es nicht mit dieser Analyse bewenden lässt, sondern die Auswirkungen der Schichtveränderungen auf das Wohlbefinden der Menschen thematisiert. Der Trend verunsichere die Mittelschicht und habe negative Folgen für die gesellschaftliche Stabilität. Für Ökonomen ist das schon bemerkenswert weit über den Tellerrand hinaus gedacht, aber meiner Meinung nach noch nicht weit genug.

Auf einen Menschen, der aus der Mittelschicht absteigt (z.B. wegen Verlust des Arbeitsplatzes) kommen viele weitere, die diesen Abstieg mitbekommen und von dessen Statusangst sozusagen „infiziert“ werden. Die Ex-Kollegen sind verunsichert, auch wenn sich nicht gekündigt wurden. Familie und Freunde erleben den Jobverlust vielleicht als Katastrophe aus heiterem Himmel und schließen daraus, dass es jeden jederzeit treffen könnte. In Deutschland sind wir ohnehin der Angst besonders zugeneigt. Und seit die Hartz IV-Gesetze die Abstiegsmobilität bei Arbeitslosigkeit beschleunigt haben, seit befristete Beschäftigungen und Leiharbeit ausgeweitet wurden, hat die Angst zugenommen.

Angst kann einem in bestimmten Situationen das Leben retten, aber als Dauerzustand ist sie für das Wohlbefinden und die Gesundheit verheerend. Sie hat einen negativen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen, weil beobachtete Angst andere ängstigt. Außerdem geht Angst als Dauerzustand häufig mit aggressivem Verhalten, Sucht oder depressivem Rückzug einher, alles Verhaltensmuster, die soziale Bindungen zerstören. Dauerangst schafft Unglück.

Die Folgen von Armut und wachsender Ungleichheit machen sich auch auf der Makroebene bemerkbar. Die Wohlfahrtsverluste z.B. hinsichtlich Lebenserwartung, Gesundheitsstatus und Kriminalitätsbelastung sind messbar. Die soziale Schere, die viele Wirtschaftswissenschaftler immer noch als neutral hinsichtlich der Wohlfahrt einer Ökonomie betrachten, ist in Wahrheit ein Faktor, der die Wohlfahrt senkt.  Jedenfalls wenn sie zu weit aufklafft.

Für eine Wissensgesellschaft, die auf Kreativität und geistige Leistungen baut, ist  ein Trend hin zu immer dominanteren Angstgefühlen besonders verheerend, denn Angst bremst Kreativität und die Fähigkeit, Neues wahrzunehmen. Mit dem sprichwörtlichem Tunnelblick desjenigen, der sich in die Enge getrieben sieht, sind komplexe Aufgaben nicht mehr gut zu bewältigen. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Unfällen steigt. Eine Kultur der Kritiklosigkeit verhindert, dass Organisationen sich weiterentwickeln können. Überscharfe Konkurrenz zerstört die Fähigkeit zur Kooperation, der zentralen Ressource zur Bewältigung von komplexen Aufgaben in einem Team mit verteiltem Wissen.

Gerade eine kreative Informationsgesellschaft kann nur funktionieren als glückliche Gesellschaft. Nach allem, was wir aus der Glücksforschung heute wissen braucht es dazu einen moderaten Wohlstand (der auch etwas unter dem liegen kann, was heute in Deutschland den Durchschnitt bildet), der relativ gleich verteilt ist. Es braucht eine gute Absicherung gegen Risiken durch das Versprechen der Solidarität, und gesellschaftliche Anerkennung für möglichst jede und jeden. Warum sollte dies zu erreichen uns nicht möglich sein?

Hier eine gute Zusammenfassung des Buches von Kate Pickett und Richard Wilkinson, Gleichheit ist Glück.

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Written by Maritta Strasser

21. Juni 2010 um 2:16 pm

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