Sprachfähig

Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

Das Hornberger Schießen

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Der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist bereits am 1. Januar 2009 in Kraft getreten. Mit lautem Getöse haben Presseverlage und private Fernsehsender durchgesetzt, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Inhalte, die Sie auf ihren Webseiten veröffentlicht haben, nun zu großen Teilen unzugänglich machen müssen. Der Fachterminus heißt depublizieren, und das bedeutet, dass die Filme, Rezepte, Transkripte von Interviews, etc. nicht gelöscht, sondern für Internetnutzer unzugänglich gemacht werden. Riesige Archive von mit Gebührengeldern erstellten Inhalten verschwinden aus dem Zugriff der Nutzer, weil eine bestimmte Lobby es so wollte.

Als die Debatte um den Rundfunkstaatsvertrag lief, hat sich kaum jemand dafür interessiert. Jetzt aber fällt den Gebührenzahlern auf, dass etwas, was sie als ihr Eigentum empfinden (denn bezahlt haben sie es), ihnen genommen wird. Und dass dieses geschehen ist, um der privaten Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender einen Vorteil zu verschaffen, macht es für sie nicht besser. Und freut sich wenigstens die Lobby, die diesen Unsinn durchgesetzt hat? Nein, tut sie nicht. Den von den Privaten durchgesetzte „Dreistufentest“ nennt ein Vertreter von RTL bemerkenswert ehrlich ein „relativ sinnloses Verfahren„.

Genauso sinnlos ist das Depublizieren. Denn nun geschieht, was von Anfang an zu erwarten war: Die depublizierten Sachen werden durch ehrenamtliches Engagement von Internetnutzern wieder zugänglich gemacht. Angefangen wird mit tagesschau.de, aber das soll erst der Anfang sein. Gut möglich, dass am Ende ein Archiv des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entsteht, welches den alten Angeboten aus der Zeit vor dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in nichts nachsteht. Mehr und Zugang zu den gesicherten Inhalten von tagesschau.de gibt es  bei www. depub.org.

Und wir Steuer- und Gebührenzahler freuen uns wieder Mal über einen klassischen Fall des Hornberger Schießens. Wie viel Schweiß und Geld, wie viele Stunden Arbeitszeit und wie viel vermeidbaren Ärger mag dieser Versuch gekostet haben, kostenfreie Inhalte als unliebsame Konkurrenz des Paid Content aus dem Internet zu drängen? Lieber Axel Springer Verlag, liebe Privatsender, merkt Euch eins: das wird Euch erst an dem Tag gelingen, an dem Wikipedia die Artikel ausgehen. Und für Viele ist es obendrein ein Grund mehr, von Euch bestimmt nichts zu kaufen.

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Written by Maritta Strasser

14. September 2010 um 3:07 pm

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