Sprachfähig

Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

Die Web 2.0 Sinnfrage

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Das Mitmach-Web, oder wie es jetzt schicker heißt, Social Media, wird zwar allenthalben als Chance gerühmt, in der Realität dann aber doch weitgehend als Zumutung empfunden. Vor allem von den Berufen, die sich mit Kommunikation professionell beschäftigen. Dass Journalisten deren Konkurrenz fürchten ist ein stehender Topos vieler Blogger und trägt nicht wenig zu deren Selbstbild als Schrecken der etablierten Medien bei. Aber auch Pressesprecher und Marketing-Verantwortliche stöhnen. Nicht auch noch das!

So las ich gestern bei Xing den Diskussionsbeitrag des Pressesprechers eines Landkreises, der es ganz gut auf den Punkt bringt. Er fragt: „Hat es wirklich Sinn und konkreten Nutzen, PR über derartige Portale zu betreiben – oder ist das angebliche Vordringen des Social Webs in die PR-Kommunikation ein aus Eigennutz aufgebautes Szenario von Seminaranbietern in diesem Bereich?“

Die Lebensklugheit lehrt, dass überall dort, wo sich neue Trends auftun reihenweise Scharlatane unterwegs sind die Unausgegorenes als State of the Art zu teuer verkaufen. Es müsste schon sehr verwundern, wenn das bei Social Media Beratung nicht der Fall wäre. Aber bedeutet das, dass der gesamte Hype um Web 2.0 ein Popanz ist, dass es also einfach reicht, den Trend vorübergehen zu lassen und so weiterzuarbeiten wie bisher?

Bei Social Media ist es wie bei jedem anderen Kommunikationskanal auch: Es gilt sorgsam nach Zielgruppen zu differenzieren und die einzelnen Instrumente dementsprechend auszuwählen. Dann ist das auch kein Popanz.

Zielgruppe Journalisten: Wir haben inzwischen eine ganze Reihe von Beispielen, dass Berichterstattung aus den Blogs in die Massenmedien überschwappt und dort veritable Erregungswellen auslöst. Die Geschichte des Rücktritts des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler ist ein hervorragendes Beispiel, vor allem weil der Ort der ursprünglichen Diskussion ein ganz unbekanntes Blog war. So genannte A-Blogger griffen das dann auf, und danach die Massenmedien.

Folgt daraus, dass Kommunikationsverantwortliche unbedingt selber bloggen sollten? Nicht unbedingt. Aber daraus folgt, dass sie Blogs monitoren müssen. Und dass zumindest fachlich / regional relevante Blogger auf ihren Presseverteiler gehören.

Was ist mit anderen Kanälen wie Facebook, Youtube und Twitter? Hier gilt mehr oder weniger, dass diese der direkten Kommunikation mit dem Kunden / Wähler / Mitglied … dienen, und eben eine Alternative zur Erreichung dieser Zielgruppen über die Gatekeeper aus dem professionellen Journalismus darstellen. Überlegen Sie, ob das nicht langfristig ein gutes zweites Standbein Ihrer Kommunikation wäre, und was Ihnen die Möglichkeit wert ist, Ihre Botschaft direkt und unverfälscht platzieren zu können. Im Fall von Krisenkommunikation spätestens, glaube ich, werden Sie die Instrumente wohl benötigen. Oder Teile davon.

Um einzuschätzen, welche Zielgruppen Sie auf diesem Weg der Direktkommunikation wie gut erreichen ist die ARD/ZDF Onlinestudie von großem Wert (das ist auch keine Studie von irgendwelchen Agenturen, die erkennbar nur nachweisen wollen „bucht mich!“).

http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Mein Fazit: Social Media wird irgendwann unumgänglich. Wahrscheinlich eher schneller als wir heute erwarten.

Was natürlich die Unlust, sich mit Social Media überhaupt zu beschäftigen, nicht verschwinden lässt, die gespeist wird aus einem Gefühl der Überforderung. Helfen könnte hier der Besuch eines Seminars, ein Workshop oder ein Coaching, möglichst ohne den Chef in der Nähe. Ein guter Trainer holt den Web 2.0-Muffel aus seiner Verzweiflung, eröffnet den Blick für die Chancen und Möglichkeiten und kann Spaß an der Arbeit mit den neuen Instrumenten vermitteln.

Also wäre mein Tipp: Wenn der Chef sagt, Sie sollten sich mal um dieses Multimedia-Dingens kümmern, tauchen Sie nicht ab. Nutzen Sie die Chance, ihm das Geld für einen Workshop aus dem Kreuz zu leiern. Das sollten Sie sich gönnen.

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Written by Maritta Strasser

17. September 2010 um 10:24 am

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