Sprachfähig

Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

Archive for the ‘Glück’ Category

Das vermeintliche Glück der Dummen

leave a comment »

Während ich an meinem Seminarangebot zum Thema „Glück und Lebenskunst“ feile, fällt mir auf dass die alten Griechen noch ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass man sich des eigenen Verstandes bedienen müsse, um glücklich zu sein. Kluge Lebensführung war die – lehrbare und gelehrte – Kunst der Weisen, und ihr Lohn war Eudaimonia – langfristige Zufriedenheit.

Und heute? Nichts gegen Meditation und Selbstsuggestion, wenn’s hilft, meinetwegen. Aber heutige Zeitgenossen nehmen oft mit der Gleichen Selbstverständlichkeit wie die alten Griechen an, dass unser Verstand uns prinzipiell die falschen Ratschläge gibt, wenn es um Glück geht. Alles was der Intellekt sagt, ist schon Neuroseverdächtig.

Es ist wohl die Wirkung des Kulturpessimisten Sigmund Freud, dass wir Glück häufig eher dem Naturzustand zuschreiben, dem Vorbewußten, während die Kultur als Zwang und Unterordnung gilt. Was für eine Unterschätzung unserer Möglichkeiten! Was für eine Vergeudung von Chancen, Glück zu erleben!

Und vor allem: Wege zum Glück, die den Verstand systematisch ausschalten wollen, sind nicht ungefährlich. Wem vertraut man sich zwecks Unterweisung an? Wer soll einen vor möglichen Fallen wie Sucht und Abhängigkeit warnen, wenn es der eigene Verstand nicht tun kann oder tun soll? Und wie beurteile ich den Erfolg, wenn nicht mit bewusster Überlegung und der Frage, die der Verstand stellen muss: Ist mein Leben durch diese Übung jetzt besser geworden? Hat das Erlernen jener Fertigkeit mich zufriedener gemacht? Hat der erhaltene Ratschlag geholfen?

Ich glaube die alten Griechen hatten doch recht. Weisheit hat etwas mit Wissen zu tun und wir Menschen haben den Kopf nicht bloß, damit es in den Hals nicht hineinregnet. Und vor allem: Es gibt eine Verbindung zwischen Verstand und Gefühl. Eine Einsicht kann Emotionen auslösen. Und Glück.

Written by Maritta Strasser

17. August 2010 at 11:03 am

Veröffentlicht in Glück

Tagged with , , ,

Die soziale Schere und das Glück

leave a comment »

Glück ist ein Modethema. Das mag damit zusammenhängen, dass es vielen Menschen immer stärker als bedroht erscheint. Individuell, aber auch kollektiv ist immer häufiger ein Lebensgefühl von der Art einer Mid-Life-Crisis zu beobachten, das sich ausdrückt in der bangen Frage: Macht mein/unser Leben Sinn? Werde ich/werden wir das Ziel eines erfüllten Lebens erreichen?

Das DIW hat in der letzten Woche eine Studie über die langfristige Einkommensverteilung vorgelegt, in der anhand der Daten des Sozio-Ökonomischen Panels nachgewiesen wird, dass der Anteil der Menschen mit mittlerem Einkommen in der Gesellschaft schrumpft. Bemerkenswert ist, dass das DIW es nicht mit dieser Analyse bewenden lässt, sondern die Auswirkungen der Schichtveränderungen auf das Wohlbefinden der Menschen thematisiert. Der Trend verunsichere die Mittelschicht und habe negative Folgen für die gesellschaftliche Stabilität. Für Ökonomen ist das schon bemerkenswert weit über den Tellerrand hinaus gedacht, aber meiner Meinung nach noch nicht weit genug.

Auf einen Menschen, der aus der Mittelschicht absteigt (z.B. wegen Verlust des Arbeitsplatzes) kommen viele weitere, die diesen Abstieg mitbekommen und von dessen Statusangst sozusagen „infiziert“ werden. Die Ex-Kollegen sind verunsichert, auch wenn sich nicht gekündigt wurden. Familie und Freunde erleben den Jobverlust vielleicht als Katastrophe aus heiterem Himmel und schließen daraus, dass es jeden jederzeit treffen könnte. In Deutschland sind wir ohnehin der Angst besonders zugeneigt. Und seit die Hartz IV-Gesetze die Abstiegsmobilität bei Arbeitslosigkeit beschleunigt haben, seit befristete Beschäftigungen und Leiharbeit ausgeweitet wurden, hat die Angst zugenommen.

Angst kann einem in bestimmten Situationen das Leben retten, aber als Dauerzustand ist sie für das Wohlbefinden und die Gesundheit verheerend. Sie hat einen negativen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen, weil beobachtete Angst andere ängstigt. Außerdem geht Angst als Dauerzustand häufig mit aggressivem Verhalten, Sucht oder depressivem Rückzug einher, alles Verhaltensmuster, die soziale Bindungen zerstören. Dauerangst schafft Unglück.

Die Folgen von Armut und wachsender Ungleichheit machen sich auch auf der Makroebene bemerkbar. Die Wohlfahrtsverluste z.B. hinsichtlich Lebenserwartung, Gesundheitsstatus und Kriminalitätsbelastung sind messbar. Die soziale Schere, die viele Wirtschaftswissenschaftler immer noch als neutral hinsichtlich der Wohlfahrt einer Ökonomie betrachten, ist in Wahrheit ein Faktor, der die Wohlfahrt senkt.  Jedenfalls wenn sie zu weit aufklafft.

Für eine Wissensgesellschaft, die auf Kreativität und geistige Leistungen baut, ist  ein Trend hin zu immer dominanteren Angstgefühlen besonders verheerend, denn Angst bremst Kreativität und die Fähigkeit, Neues wahrzunehmen. Mit dem sprichwörtlichem Tunnelblick desjenigen, der sich in die Enge getrieben sieht, sind komplexe Aufgaben nicht mehr gut zu bewältigen. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Unfällen steigt. Eine Kultur der Kritiklosigkeit verhindert, dass Organisationen sich weiterentwickeln können. Überscharfe Konkurrenz zerstört die Fähigkeit zur Kooperation, der zentralen Ressource zur Bewältigung von komplexen Aufgaben in einem Team mit verteiltem Wissen.

Gerade eine kreative Informationsgesellschaft kann nur funktionieren als glückliche Gesellschaft. Nach allem, was wir aus der Glücksforschung heute wissen braucht es dazu einen moderaten Wohlstand (der auch etwas unter dem liegen kann, was heute in Deutschland den Durchschnitt bildet), der relativ gleich verteilt ist. Es braucht eine gute Absicherung gegen Risiken durch das Versprechen der Solidarität, und gesellschaftliche Anerkennung für möglichst jede und jeden. Warum sollte dies zu erreichen uns nicht möglich sein?

Hier eine gute Zusammenfassung des Buches von Kate Pickett und Richard Wilkinson, Gleichheit ist Glück.

Written by Maritta Strasser

21. Juni 2010 at 2:16 pm