Sprachfähig

Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

Idee: Web 2.0 auf Papier

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Hier bin ich über die Idee gestolpert, den Lokalteil von Regionalzeitungen zu einer „Bürgerplattform“ umzuarbeiten, also von den Vereinen, Initiativen, regionalen Unternehmen, etc. eingereichte Artikel und Veranstaltungshinweise unredigiert zu übernehmen und zu drucken. Eine Art Social Media auf Papier.

Hundertprozentig neu ist die Sache nicht, denn die Gratis-Zeitungen und Anzeigenblätter sind im Grunde nichts anderes, auch wenn sie nicht direkt via Redaktion, sondern über so genannte Materndienste befüllt werden. Materndienste sind unter Kommunikationsverantwortlichen immer noch ein Geheimtipp, dabei sind sie so praktisch und effizient, und obendrein unschlagbar günstig. Sie erreichen halt nur eine relativ spezielle Zielgruppe, böse ausgedrückt die Oma, die Anzeigenblätter liest. Wie das wohl mit den Bürgerportalen wäre? Spannende Frage…

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Written by Maritta Strasser

17. September 2010 at 11:28 am

Die Web 2.0 Sinnfrage

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Das Mitmach-Web, oder wie es jetzt schicker heißt, Social Media, wird zwar allenthalben als Chance gerühmt, in der Realität dann aber doch weitgehend als Zumutung empfunden. Vor allem von den Berufen, die sich mit Kommunikation professionell beschäftigen. Dass Journalisten deren Konkurrenz fürchten ist ein stehender Topos vieler Blogger und trägt nicht wenig zu deren Selbstbild als Schrecken der etablierten Medien bei. Aber auch Pressesprecher und Marketing-Verantwortliche stöhnen. Nicht auch noch das!

So las ich gestern bei Xing den Diskussionsbeitrag des Pressesprechers eines Landkreises, der es ganz gut auf den Punkt bringt. Er fragt: „Hat es wirklich Sinn und konkreten Nutzen, PR über derartige Portale zu betreiben – oder ist das angebliche Vordringen des Social Webs in die PR-Kommunikation ein aus Eigennutz aufgebautes Szenario von Seminaranbietern in diesem Bereich?“

Die Lebensklugheit lehrt, dass überall dort, wo sich neue Trends auftun reihenweise Scharlatane unterwegs sind die Unausgegorenes als State of the Art zu teuer verkaufen. Es müsste schon sehr verwundern, wenn das bei Social Media Beratung nicht der Fall wäre. Aber bedeutet das, dass der gesamte Hype um Web 2.0 ein Popanz ist, dass es also einfach reicht, den Trend vorübergehen zu lassen und so weiterzuarbeiten wie bisher?

Bei Social Media ist es wie bei jedem anderen Kommunikationskanal auch: Es gilt sorgsam nach Zielgruppen zu differenzieren und die einzelnen Instrumente dementsprechend auszuwählen. Dann ist das auch kein Popanz.

Zielgruppe Journalisten: Wir haben inzwischen eine ganze Reihe von Beispielen, dass Berichterstattung aus den Blogs in die Massenmedien überschwappt und dort veritable Erregungswellen auslöst. Die Geschichte des Rücktritts des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler ist ein hervorragendes Beispiel, vor allem weil der Ort der ursprünglichen Diskussion ein ganz unbekanntes Blog war. So genannte A-Blogger griffen das dann auf, und danach die Massenmedien.

Folgt daraus, dass Kommunikationsverantwortliche unbedingt selber bloggen sollten? Nicht unbedingt. Aber daraus folgt, dass sie Blogs monitoren müssen. Und dass zumindest fachlich / regional relevante Blogger auf ihren Presseverteiler gehören.

Was ist mit anderen Kanälen wie Facebook, Youtube und Twitter? Hier gilt mehr oder weniger, dass diese der direkten Kommunikation mit dem Kunden / Wähler / Mitglied … dienen, und eben eine Alternative zur Erreichung dieser Zielgruppen über die Gatekeeper aus dem professionellen Journalismus darstellen. Überlegen Sie, ob das nicht langfristig ein gutes zweites Standbein Ihrer Kommunikation wäre, und was Ihnen die Möglichkeit wert ist, Ihre Botschaft direkt und unverfälscht platzieren zu können. Im Fall von Krisenkommunikation spätestens, glaube ich, werden Sie die Instrumente wohl benötigen. Oder Teile davon.

Um einzuschätzen, welche Zielgruppen Sie auf diesem Weg der Direktkommunikation wie gut erreichen ist die ARD/ZDF Onlinestudie von großem Wert (das ist auch keine Studie von irgendwelchen Agenturen, die erkennbar nur nachweisen wollen „bucht mich!“).

http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Mein Fazit: Social Media wird irgendwann unumgänglich. Wahrscheinlich eher schneller als wir heute erwarten.

Was natürlich die Unlust, sich mit Social Media überhaupt zu beschäftigen, nicht verschwinden lässt, die gespeist wird aus einem Gefühl der Überforderung. Helfen könnte hier der Besuch eines Seminars, ein Workshop oder ein Coaching, möglichst ohne den Chef in der Nähe. Ein guter Trainer holt den Web 2.0-Muffel aus seiner Verzweiflung, eröffnet den Blick für die Chancen und Möglichkeiten und kann Spaß an der Arbeit mit den neuen Instrumenten vermitteln.

Also wäre mein Tipp: Wenn der Chef sagt, Sie sollten sich mal um dieses Multimedia-Dingens kümmern, tauchen Sie nicht ab. Nutzen Sie die Chance, ihm das Geld für einen Workshop aus dem Kreuz zu leiern. Das sollten Sie sich gönnen.

Written by Maritta Strasser

17. September 2010 at 10:24 am

Das Hornberger Schießen

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Der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist bereits am 1. Januar 2009 in Kraft getreten. Mit lautem Getöse haben Presseverlage und private Fernsehsender durchgesetzt, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Inhalte, die Sie auf ihren Webseiten veröffentlicht haben, nun zu großen Teilen unzugänglich machen müssen. Der Fachterminus heißt depublizieren, und das bedeutet, dass die Filme, Rezepte, Transkripte von Interviews, etc. nicht gelöscht, sondern für Internetnutzer unzugänglich gemacht werden. Riesige Archive von mit Gebührengeldern erstellten Inhalten verschwinden aus dem Zugriff der Nutzer, weil eine bestimmte Lobby es so wollte.

Als die Debatte um den Rundfunkstaatsvertrag lief, hat sich kaum jemand dafür interessiert. Jetzt aber fällt den Gebührenzahlern auf, dass etwas, was sie als ihr Eigentum empfinden (denn bezahlt haben sie es), ihnen genommen wird. Und dass dieses geschehen ist, um der privaten Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender einen Vorteil zu verschaffen, macht es für sie nicht besser. Und freut sich wenigstens die Lobby, die diesen Unsinn durchgesetzt hat? Nein, tut sie nicht. Den von den Privaten durchgesetzte „Dreistufentest“ nennt ein Vertreter von RTL bemerkenswert ehrlich ein „relativ sinnloses Verfahren„.

Genauso sinnlos ist das Depublizieren. Denn nun geschieht, was von Anfang an zu erwarten war: Die depublizierten Sachen werden durch ehrenamtliches Engagement von Internetnutzern wieder zugänglich gemacht. Angefangen wird mit tagesschau.de, aber das soll erst der Anfang sein. Gut möglich, dass am Ende ein Archiv des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entsteht, welches den alten Angeboten aus der Zeit vor dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in nichts nachsteht. Mehr und Zugang zu den gesicherten Inhalten von tagesschau.de gibt es  bei www. depub.org.

Und wir Steuer- und Gebührenzahler freuen uns wieder Mal über einen klassischen Fall des Hornberger Schießens. Wie viel Schweiß und Geld, wie viele Stunden Arbeitszeit und wie viel vermeidbaren Ärger mag dieser Versuch gekostet haben, kostenfreie Inhalte als unliebsame Konkurrenz des Paid Content aus dem Internet zu drängen? Lieber Axel Springer Verlag, liebe Privatsender, merkt Euch eins: das wird Euch erst an dem Tag gelingen, an dem Wikipedia die Artikel ausgehen. Und für Viele ist es obendrein ein Grund mehr, von Euch bestimmt nichts zu kaufen.

Written by Maritta Strasser

14. September 2010 at 3:07 pm

Netzpolitik: Die SPD hat gelernt

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Ich muss zugeben, mir war der Name Petra Kammerevert, MdEP bislang nicht geläufig. Umso mehr freut mich der höchst sachkundige Beitrag zum Thema „Löschen statt Sperren“ von kinderpornografischen Darstellungen im Internet, den ich heute von ihr gelesen habe.

Vielleicht gibt es ja schon jetzt mehr Politikerinnen und Politiker mit entsprechender Sachkunde, als man sich Namen merken kann. Und das ist eine gewaltige Änderung in doch sehr kurzer Zeit. Denn noch vor eineinhalb Jahren hatte die SPD-Netzpolitik eigentlich nur einen einzigen Namen, sie war isoliert und dramatisch erfolglos.

Jetzt tut sich offenbar etwas. Da gibt es neue Leute, die setzen sich mit dem Internet wirklich auseinander. Ich hoffe, sie finden jetzt auch das nötige Gehör. Denn das Medium ist nicht unsere Zukunft. Es ist unsere Gegenwart.

Written by Maritta Strasser

24. August 2010 at 9:53 am

Staatliche vs. private Überwachung (Update)

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Heute morgen hörte ich wie immer den Deutschlandfunk und somit nacheinander Interviews mit der Verbraucherministerin Ilse Aigner und mit dem Blogger Sascha Lobo zum Thema Google Street View. Ich will gar keinen Hehl daraus machen, dass ich Saschas Argumenten sehr viel mehr zugeneigt bin als denen der Ministerin. Das bedeutet, ich meine auch dass es sich bei der Debatte um eine – wahrscheinlich absichtlich angefachte – Hysterie handelt. Die Google-Street-View-Hysterie hat einen kleinen Kern von berechtigter Besorgnis, ist aber selbst im Vergleich zu anderen Anlässen, die durchaus besorgniserregender sind, völlig außer Proportion.

Das hängt zusammen mit der Art der verwendeten Daten (Ansichten des öffentlichen Straßenraums), den Maßnahmen zum Persönlichkeitsschutz (Verpixelungen), der Tatsache dass diese Daten zum Teil bereits über andere Dienste abrufbar sind, sowie mit der Frage, wer sie sammelt.

Und das ist auch der Anlass, weshalb mir heute wieder die Tinte überquillt. Genau bei der letzten Frage, was ist eigentlich der Unterschied zwischen staatlicher und privater Datensammlung, da hat Sascha Lobo leider kläglich versagt. Ärgerlich ist das, denn an dieser Frage wird sich entscheiden, wie gut die „Community“ in den kommenden netzpolitischen Debatten aussieht.

Auf die Frage des Moderators, wie man denn gegen staatliche Überwachung sein könne, aber die durch Unternehmen harmlos finden könne, fiel Lobo nichts weiter ein, als die anderen Inhalte und die breitere Verknüpfbarkeit der Datensammlung hervorzuheben und zu betonen, dass Politiker die Debatte anheizten, um abzulenken, dass sie also unglaubwürdig seien. Entschuldigung, aber man wird nicht glaubwürdiger, wenn man andere der Unglaubwürdigkeit zeiht. Und es ist so unnötig, sich diese Blöße zu geben. Denn es macht schon einen Unterschied, wer die Daten sammelt. Und zwar aus mehren Gründen.

  1. Staatliche Stellen können zur uns zur Datenübermittlung zwingen. Unternehmen können uns nur im Rahmen von Verträgen dazu verpflichten. Und die Verträge können wir eingehen oder nicht.
  2. Unternehmen können zwar erhebliche wirtschaftliche Macht bekommen und damit auch eine Art Zwang ausüben, aber diesen Zwang kann (und muss) der Staat begrenzen, wenn das Kräfteverhältnis zu Lasten der Verbraucher oder des Wettbewerbs aus dem Gleichgewicht geraten ist.
  3. „Staat“ heißt hier übrigens sowohl die gesetzgebende Gewalt (die ja im Fall von Google bereits über neue Verbraucherschutzgesetze nachdenkt), als auch die Exekutive (Behörden) und die Rechtsprechung. Jede einzelne dieser Gewalten kann für sich handeln und handelt. Das kann sogar so weit gehen, dass Unternehmen zerschlagen werden und die wirtschaftliche Macht durch staatliche Macht damit gebrochen wird.
  4. Demgegenüber stehen dem staatlichen Datensammler „nur“ die checks and balances gegenüber, die der demokratische Rechtsstaat vorsieht. Sind sich (wie leider oft in den letzten Jahren) Parlament und Exekutive einig dass die Datensammlungen ausgeweitet werden müssen, ist die Rechtsprechung, vor allem das Bundesverfassungsgericht, die einzige Instanz (neben den Wahlen, versteht sich), die noch einschreiten kann und einschreitet.
  5. Zwar ist der Staat nach dem Informationsfreiheitsgesetz zur Transparenz verpflichtet, aber gerade im sensibelsten Bereich der Strafverfolung und Prävention entzieht er sich dieser Transparenzpflicht systematisch – ironischerweise zum Teil mit Verweis auf den Datenschutz. Ob es sich wirklich in der Praxis um Datenschutz oder um Selbstschutz der Behörden handelt könnte nur beurteilen, wer Einsicht in die Vorgänge hat.
  6. Das wichtigste aber ist: Staatliche Datensammlung ist deswegen von einer völlig anderen Qualität, weil der Staat das Gewaltmonopol hat. Das heißt, auf der Basis von dem was die Behörden von mir wissen, können sie in meine Freiheitsrechte eingreifen, Steuern erheben, und mir mannigfaltige Pflichten auferlegen.
  7. Im Strafrecht gilt deshalb das Recht des Beschuldigten, die Aussage zu verweigern. Dieses Recht wird ausgehöhlt durch immer weitgehendere Zwangsoffenbarungen wie zum Beispiel die Vorratsdatenspeicherung. Ich mag über meine sozialen Kontakte schweigen wollen, dem Staat sind sie aufgrund meiner Telefon- und Internetverbindungsdaten schon bekannt.
  8. Unternehmensdatensammlungen werden hier aber wieder zum Problem: Der Staat verpflichtet die Unternehmen, solche Daten seiner Kunden zu mannigfaltigen Zwecken herauszurücken. Und während man noch die Google Street View Sau durchs Dorf treibt, arbeitet man auf EU-Ebene daran, Google und Facebook in die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung einzubeziehen.

Das ist der eigentliche Skandal. Das hätte Sascha Lobo sagen sollen.

Update

Sascha Lobo hat mich angemailt und mir mitgeteilt, dass er durchaus auf den Unterschied zwischen staatlicher und privater Datensammelei hingewiesen hat. Er sagte:

„Das ist ein unzulässiger Vergleich – aus dem einfachen Grund, weil
Unternehmen und Staat völlig unterschiedliche Aufgaben und
Aufgabenkomplexe haben. Ich würde es genauso wenig gut finden, wenn
zum Beispiel eine Art staatliches Facebook betrieben würde, wo man
seine Daten eingibt, denn das haben wir in der Vergangenheit immer
wieder erlebt, dass der Staat noch über ganz besondere Bündelungs- und
damit auch Missbrauchskompetenzen verfügen könnte.“

Damit hat er recht, aber ich meine die Bündelungsmöglichkeit kann auch bei Unternehmen ganz erheblich sein, insbesondere bei großen Anbietern mit vielen unterschiedlichen Services. Der Punkt ist die Sanktionsmöglichkeit und die Möglichkeit, Regeln zu setzen. Die hat allein der Staat. Das macht seinen Umgang mit Daten eben besonders.

Das bringt mich aber zu einem Punkt, an dem meine eigene Argumentation auch auf Unternehmen anwendbar ist: Denken wir ans Arbeitsrecht. Als Arbeitgeber haben Unternehmen auch Sanktionsmöglichkeiten. In der Eigenschaft als Arbeitgeber muss die Datensammelei denn auch anders bewertet werden als die zu Marketingzwecken. Aber auch hier setzt der Staat die Regeln, kann also sagen: Das und das musst du löschen bzw. es ist bei arbeitsrechtlichen Streitigkeiten nicht verwendbar.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Berufsunfähigkeitsversicherungen. Viele Menschen bekommen keine oder nur eine zu inakzeptablen Bedingungen. Man kann sagen, das liegt daran dass der Versicherer Daten erheben darf, über den Beruf, das Alter und den Gesundheitszustand des Versicherungsnehmers. Dann ist die Datensammlung das Problem. Oder man kann die Konditionen bestimmen, die jede Versicherung erfüllen muss, die so etwas anbietet. Dann sind die Daten nicht das Problem. Die Lösung in dem Fall wäre, dass jeder das Recht bekommt, bei einem Anbieter zu den jeweils gleichen Konditionen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Dann haben die Daten keine Bedeutung mehr (und werden schon deshalb wohl nicht erhoben).

Was meint ihr? Ist das ein Ansatz?

Ich würde mich freuen, wenn über dieses Thema eine lebhafte Diskussion in Gang käme.

Written by Maritta Strasser

18. August 2010 at 10:02 am

Das vermeintliche Glück der Dummen

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Während ich an meinem Seminarangebot zum Thema „Glück und Lebenskunst“ feile, fällt mir auf dass die alten Griechen noch ganz selbstverständlich davon ausgingen, dass man sich des eigenen Verstandes bedienen müsse, um glücklich zu sein. Kluge Lebensführung war die – lehrbare und gelehrte – Kunst der Weisen, und ihr Lohn war Eudaimonia – langfristige Zufriedenheit.

Und heute? Nichts gegen Meditation und Selbstsuggestion, wenn’s hilft, meinetwegen. Aber heutige Zeitgenossen nehmen oft mit der Gleichen Selbstverständlichkeit wie die alten Griechen an, dass unser Verstand uns prinzipiell die falschen Ratschläge gibt, wenn es um Glück geht. Alles was der Intellekt sagt, ist schon Neuroseverdächtig.

Es ist wohl die Wirkung des Kulturpessimisten Sigmund Freud, dass wir Glück häufig eher dem Naturzustand zuschreiben, dem Vorbewußten, während die Kultur als Zwang und Unterordnung gilt. Was für eine Unterschätzung unserer Möglichkeiten! Was für eine Vergeudung von Chancen, Glück zu erleben!

Und vor allem: Wege zum Glück, die den Verstand systematisch ausschalten wollen, sind nicht ungefährlich. Wem vertraut man sich zwecks Unterweisung an? Wer soll einen vor möglichen Fallen wie Sucht und Abhängigkeit warnen, wenn es der eigene Verstand nicht tun kann oder tun soll? Und wie beurteile ich den Erfolg, wenn nicht mit bewusster Überlegung und der Frage, die der Verstand stellen muss: Ist mein Leben durch diese Übung jetzt besser geworden? Hat das Erlernen jener Fertigkeit mich zufriedener gemacht? Hat der erhaltene Ratschlag geholfen?

Ich glaube die alten Griechen hatten doch recht. Weisheit hat etwas mit Wissen zu tun und wir Menschen haben den Kopf nicht bloß, damit es in den Hals nicht hineinregnet. Und vor allem: Es gibt eine Verbindung zwischen Verstand und Gefühl. Eine Einsicht kann Emotionen auslösen. Und Glück.

Written by Maritta Strasser

17. August 2010 at 11:03 am

Veröffentlicht in Glück

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Sprachlos

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Sprachlos macht mich die Chuzpe des Duisburger Bürgermeisters Sauerland, der meint, es sich leisten zu können, nicht zurückzutreten. Er verhöhnt die Opfer der unter seiner Verantwortung erstellten Fehlplanung der Loveparade, indem er sogar noch einen heroischen Gestus beschwört wenn er sagt, er müsse das jetzt durchstehen. Das macht fassungslos.

Kein Zweifel, der Herr Bürgermeister ist dieser Tage nicht zu beneiden. Er wird ausgebuht, sein Posteingang enthält ganz bestimmt allerhand Unschönes, und eine Petition für seinen Rücktritt gibt es mitlerweile auch. Aber darf jemand, der für so viel größeres Leid politisch die Verantwortung trägt klagen, wenn sein Versagen berechtigte Wut heraufbeschwört? Ich meine nicht. Vor allem sollte er sich dies auch deshalb verkneifen, weil ein Mensch mit intaktem moralischem Kompass an diesen Äußerlichkeiten viel weniger leiden würde als an der Last des eigenen Gewissens. Indem der Oberbürgermeister auf den ihn umwehenden Gegenwind verweist, legt er den Verdacht nahe, dass dies bei ihm nicht so ist. Oder habe ich etwas überlesen oder übersehen? Hat Herr Sauerland irgendwo gesagt, dass ihm der Gedanke an die unschuldigen Menschen, die gestorben sind, der Gedanke an die trauernden Angehörigen mehr belastet als alles andere?

Ich lese aus seinen Äußerungen gegenüber der WAZ-Mediengruppe heraus, dass es sein Hauptanliegen ist, für die Tragödie nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen. Er will nicht für den Rest seines Lebens für 20 Todesopfer verantwortlich gemacht werden. Das heißt auch, er fühlt diese Verantwortung nicht. Wie kann das sein? Wie kann jemand, der sich den Erfolg der Loveparade als Verdienst selbstverständlich zurechnen wollte, die Verantwortung für deren Katastrophe so rundheraus leugnen? Zumal, da er wohl am unzureichenden Sicherheitskonzept aktiv beteiligt war, Bedenken beiseiteschob und Kritiker im Vorfeld ruhigstellte. Wie moralisch unempfindsam muss man als politisch Verantwortlicher sein, wenn man so wie Herr Sauerland denkt? Als würde durch die Weigerung, Schuld einzugestehen die Schuld selbst verschwinden.

Sicher mag es auch ein Fehlverhalten der Polizei gegeben haben. Aber dieses Fehlverhalten ist nicht die Ursache für die Katastrophe am Tunnel. Es ist höchstens das Unvermögen, sie aufzuhalten oder zu mildern, nachdem sie bereits durch andere Entscheidungen in Gang gesetzt worden war. Ursache der Katastrophe ist der unbedingte Wille, eine Veranstaltung stattfinden zu lassen, für die die notwendigen Ressourcen fehlten. Und für diesen Willen steht – neben den Veranstaltern – vor allem der Bürgermeister.

Written by Maritta Strasser

28. Juli 2010 at 5:12 pm