Sprachfähig

Ein Blog über die Tücken der politischen Kommunikation

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Warum Schäuble in Nöten ist

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Was mag in Finanzminister Wolfgang Schäuble dieser Tage vorgehen? Die Bundeskanzlerin selbst spricht unter vier Augen mit ihm, weil sein Pressesprecher nach einer beispiellosen öffentlichen Demütigung und fünf Tagen vergeblichen Wartens auf eine Entschuldigung seitens seines Chefs hingeworfen hat. Oder besser: Weil die Geschichte zu einem Medienthema geworden ist und vorerst ein Medienthema bleibt.

Möglich, dass er das verheerende Echo auf sein Verhalten vor laufender Kamera als Werk von Intrigen gegen sich deutet. Das wäre eine fatale Fehleinschätzung.

Was die Öffentlichkeit an dem Verhalten von Schäuble so irritiert meines Erachtens weniger die Tatsache, dass der Minister seine Emotionen offensichtlich nicht im Griff hat. Es ist die Haltung selbst, die er durchblicken lässt, eine Haltung die sich so zusammenfassen lässt: Ich bin genial und der Rest sind Idioten. Die Intuition sagt dem Publikum: Wer so über seine Vertrauten denkt, denkt über Fremde nicht besser.

Es drängt sich der Eindruck einer arroganten Haltung auf. Arroganz bedeutet Blindheit für eigene Fehler und Wissenslücken. Deshalb ist Arroganz bei Menschen, die Verantwortung tragen eine Gefahr. Das ist der eigentliche Grund, warum dieser Vorfall Zweifel an der Eignung von Schäuble für sein Amt aufkommen lässt.

Die Frage nach seiner Gesundheit, und vor allem sein disziplinierter und offener Umgang damit, hätte ihn eher gestärkt als geschwächt. So wie Pabst Johannes Paul I in seinem langen öffentlichen Sterbeprozess an Autorität und Ausstrahlung gewann, statt sie zu verlieren.

Zum Schluss will ich noch ein Bonmot der „Welt“ von gestern präsentieren. Schäuble habe eine „beeindruckende, – für manche vielleicht beängstigende – politische Kraft“, so feiert man ihn dort, um ihm dann „einen manchmal umwölkten, aber dennoch gewaltigen Willen zum Positiven“ zuzubilligen. Bei allem Respekt: Umwölkt ist hier der Kommentator, solchen Unfug hat man wirklich selten gelesen!

Written by Maritta Strasser

11. November 2010 at 10:45 am

Sprachlos

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Sprachlos macht mich die Chuzpe des Duisburger Bürgermeisters Sauerland, der meint, es sich leisten zu können, nicht zurückzutreten. Er verhöhnt die Opfer der unter seiner Verantwortung erstellten Fehlplanung der Loveparade, indem er sogar noch einen heroischen Gestus beschwört wenn er sagt, er müsse das jetzt durchstehen. Das macht fassungslos.

Kein Zweifel, der Herr Bürgermeister ist dieser Tage nicht zu beneiden. Er wird ausgebuht, sein Posteingang enthält ganz bestimmt allerhand Unschönes, und eine Petition für seinen Rücktritt gibt es mitlerweile auch. Aber darf jemand, der für so viel größeres Leid politisch die Verantwortung trägt klagen, wenn sein Versagen berechtigte Wut heraufbeschwört? Ich meine nicht. Vor allem sollte er sich dies auch deshalb verkneifen, weil ein Mensch mit intaktem moralischem Kompass an diesen Äußerlichkeiten viel weniger leiden würde als an der Last des eigenen Gewissens. Indem der Oberbürgermeister auf den ihn umwehenden Gegenwind verweist, legt er den Verdacht nahe, dass dies bei ihm nicht so ist. Oder habe ich etwas überlesen oder übersehen? Hat Herr Sauerland irgendwo gesagt, dass ihm der Gedanke an die unschuldigen Menschen, die gestorben sind, der Gedanke an die trauernden Angehörigen mehr belastet als alles andere?

Ich lese aus seinen Äußerungen gegenüber der WAZ-Mediengruppe heraus, dass es sein Hauptanliegen ist, für die Tragödie nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen. Er will nicht für den Rest seines Lebens für 20 Todesopfer verantwortlich gemacht werden. Das heißt auch, er fühlt diese Verantwortung nicht. Wie kann das sein? Wie kann jemand, der sich den Erfolg der Loveparade als Verdienst selbstverständlich zurechnen wollte, die Verantwortung für deren Katastrophe so rundheraus leugnen? Zumal, da er wohl am unzureichenden Sicherheitskonzept aktiv beteiligt war, Bedenken beiseiteschob und Kritiker im Vorfeld ruhigstellte. Wie moralisch unempfindsam muss man als politisch Verantwortlicher sein, wenn man so wie Herr Sauerland denkt? Als würde durch die Weigerung, Schuld einzugestehen die Schuld selbst verschwinden.

Sicher mag es auch ein Fehlverhalten der Polizei gegeben haben. Aber dieses Fehlverhalten ist nicht die Ursache für die Katastrophe am Tunnel. Es ist höchstens das Unvermögen, sie aufzuhalten oder zu mildern, nachdem sie bereits durch andere Entscheidungen in Gang gesetzt worden war. Ursache der Katastrophe ist der unbedingte Wille, eine Veranstaltung stattfinden zu lassen, für die die notwendigen Ressourcen fehlten. Und für diesen Willen steht – neben den Veranstaltern – vor allem der Bürgermeister.

Written by Maritta Strasser

28. Juli 2010 at 5:12 pm